Risographie-Künstlerin Xiyu Tomorrow im Interview

Xiyu Tomorrow

Xiyu Tomorrow arbeitet als Zeichnerin und bildende Künstlerin. Zuletzt arbeitete sie an der Self-Publishing Reihe “12 Monate x 12 Zines”. Ein Jahr lang – von September 2021 bis August 2022 – baute Xiyu einen Körper, der aus Bildern besteht, beseelt und angetrieben von der Lust am Zeichnen. Dieser Körper erforscht, wie Zeichnung Menschen miteinander in Kontakt bringen kann, ob im Kopf oder im Herzen.

Die visuelle Essay-Reihe kreist um das Politische im Privaten, das Außergewöhnliche im Alltäglichen. Die Essays erscheinen online auf Xiyus Webseite (www.xiyutomorrow.com) und als limitierte, RISO gedruckte Zine-Auflage.

 

Wie lange bist du schon hauptberuflich tätige Künstlerin und wie bist du dazu gekommen?

Die künstlerische Laufbahn kam für mich erst durch den zweiten Bildungsweg. Ich habe 2019 an der HAW Hamburg fertig studiert und arbeite seitdem hauptberuflich mit kreativen (und den damit verbundenen organisatorisch-unternehmerischen) Belangen. Wie viele andere auch habe ich mir als Kind schon gerne Geschichten ausgedacht und gezeichnet. Den Wechsel auf ein künstlerisches Gymnasium habe ich mir als Jugendliche nicht zugetraut, also blieb ich auf einer humanistisch orientierten Schule und studierte zunächst “etwas Ordentliches”. Der Karrierewechsel erfolgte knapp zwei Jahre nach dem Berufseinstieg.

Es kamen viele Gründe zusammen, der größte allerdings wohl, dass ich mich nach kreativer Gestaltung sehnte (und neidisch auf Kolleg*innen gelinst habe, die genau das in ihrem Büroalltag taten).

Hast du vorher etwas anderes gemacht?

In meinem anderen Leben war ich in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit tätig. Das Büro war in Beijing und ich durfte den zwischenstaatlichen Austausch begleiten, war aber auch in unabhängigen Graswurzelorganisationen engagiert.

Was hat dich noch einmal besonders zur Risographie gebracht?

An der HAW gab es bereits 2016 einen Risographen, den ich zwar recht früh nutzte, allerdings als eigene Form nie so richtig habe verstehen, geschweige denn mir aneignen können. Über eine Farbebene bin ich damals nie hinausgekommen. Ich würde mich als mittelmäßige bis lausige Druckgrafikerin bezeichnen und bewundere Kolleg*innen, für die das Arbeiten in (Farb-) Ebenen eine eigene Form des Denkens darstellt UND die handwerklich präzise arbeiten können. Daher bin ich froh, dass RISOFORT, meine Drucker*innen des Vertrauens, diesen Teil für mich übernehmen.

Auf die Risographie bin ich erst letztes Jahr wieder gestoßen, da ich für “12 Monate x 12 Zines” auf der Suche nach einer umweltfreundlichen, ästhetisch ansprechenden und kostengünstigen Vervielfältigungstechnik war. 

Wie nimmst du die Arbeitsbedingungen wahr, die Kunstschaffende vorfinden?

Meine Lieblingswortentdeckung des Jahres 2021 ist das Cognitariat. Es bezeichnet eine Gruppe von Menschen, die sehr gut ausgebildet sind und sich zugleich in wirtschaftlich prekären Arbeitsverhältnissen befinden. Meiner Wahrnehmung nach befindet sich ein Großteil der visuell arbeitenden freischaffenden Künstler*innen (und viele Arbeitende anderer Sparten, wie Wissenschaft, Bildung, Gemeinnütziger Sektor, usw.) in diesem Modus.

Die Statistik unterstützt diese Beobachtung und ernüchtert, meiner Meinung nach, noch mehr. Laut Spartenbericht Bildende Kunst (2021) vom Statistischen Bundesamt lebt nämlich ein Drittel der Künstler*innen von einem Netto-Einkommen von 1100 Euro, knapp 60% davon sind Frauen . Je höher das Einkommen, desto geringer wird übrigens der Frauenanteil. Der Bericht attestiert zudem einen strukturellen Gender-Pay-Gap von 30% - unabhängig vom Alter.

Vor dem Hintergrund, dass eine künstlerische Tätigkeit zu mindestens 50%, wenn nicht sogar mehr, aus betriebswirtschaftlichen Dimensionen besteht, finde ich es ehrlich gesagt sehr erschreckend, dass sich so viele Leute nur bedingt aus der eigenen Tätigkeit heraus wirtschaftlich tragen können. Interessant finde ich, dass die obige Statistik (ein binäres Verständnis von) Gender isoliert von anderen Faktoren betrachtet, intersektionale Mechanismen also ausgespart sind.

Ich würde es sehr begrüßen, wenn es eine breitere öffentliche Diskussion um die Arbeitsbedingungen von Kunst und Kultur gäbe (und Wissenschaft, Bildung, etc.), mehr Gelder (bzw. eigentlich mehr politischen Willen, die Gelder in diese Bereiche zu investieren), paritätische Verteilungsmechanismen, diverse Personalbesetzungen und auch Diskussionen um ein zeitgenössisches Verständnis von dem, was Kunst oder Kultur in einer durchglobalisierten, interdependenten, von Machtstrukturen zersetzten Welt sein soll. Fenster für solche Diskussionen gibt es immer wieder in der einen oder anderen Form.

Welche Themen setzt du bei deiner Arbeit besonders in den Fokus und warum?

Ein roter Faden in meiner Arbeit ist das Thema, die Welt aus den Augen einer feministischen, dekolonialen und klassismus-kritischen Position zu betrachten. Vieles ist autobiografisch verankert. Die Welt, in der ich mich hier in Hamburg bzw. Deutschland bewege, ist nur bedingt für Menschen wie mich und meine Eltern bzw. soziale Gruppe gestaltet worden. Das gleiche gilt, wenn ich mich in der Herkunftsregion meiner Eltern bewege. Ich versuche mit meiner Arbeit, den Blick dafür zu schärfen und zu weiten, Räume für diese Perspektiven zu bieten, Repräsentation, aber auch Bewusstsein zu schaffen für die Grautöne, Widersprüche und Ambivalenzen, die ein Leben bietet. Die Themen, an denen sich dieser Blick abarbeitet reichen von Mutter- und Tochterschaft über Sprache bis hin zu Alltagsdingen und Objekten. Ich ziehe verschiedene Methoden für die Erforschung dieses Blicks heran und weiß nicht, ob es über mein persönliches Interesse hinaus tatsächlich einen Erkenntnisgewinn (für andere) gibt, aber it’s a work in progress und es ist vor allem play.

Was hat dich zu der Idee „12 Monate x 12 Zines“ inspiriert?

Wie so oft war der ausschlaggebende Punkt für dieses Projekt die Notwendigkeit, einen Förderantrag zu schreiben. Der Projektrahmen konnte bzw. sollte für ein Jahr gehen. Beim Schreiben des Antrags erinnerte ich mich an die Band Oh Wonder. Sie veröffentlichte im Vorlauf zu ihrem Debut jeden Monat einen Song im Netz. Ich fand das ein sehr interessantes Modell und habe nach einigen Recherchen herausgefunden, dass das in der Musik wohl ein gängiges, wenn auch nicht immer von Erfolg gekröntes Format zu sein scheint.

Im Fall von Oh Wonder lief es sehr gut und ich kann mich daran erinnern, wie ich mich jeden Monat aufs Neue auf ein Release gefreut habe. Sodann war das Projekt geboren. Ich hatte ohnehin vereinzelte Arbeiten, viele Ideen und viel Energie in der Schublade, sodass das Format eine gute Lösung war um diesen Anknüpfungspunkten und Impulsen einen Rahmen zu geben und zugleich meine Praxis zu vertiefen.

Was kannst du nur mit der Comic-Kunst besonders gut ausdrücken?

Puh. Ich würde mich selbst nicht unbedingt als Comiczeichnerin bezeichnen, auch wenn ich Text und Bild gerne und oft kombiniere. Es gibt Dinge, die ein Text sehr viel besser greifen kann als ein Bild und umgekehrt. Diese Interaktionen, insbesondere die Lücken finde ich am Medium Comic spannend, wobei ich das für alle möglichen Text-Bild Interaktionen gleichermaßen fassen würde (und ist übrigens mit Hinblick auf RISO eine interessante Parallele).

Was besonders gut geht in dieser Kombination ist für mich das Erzählen von inneren Zuständen über eine gewisse Zeitlichkeit hinweg. Das hat einige Anklänge zu filmischen Arbeiten, jedoch finde ich es spannend, dass die lesende Person das Tempo selbst bestimmen kann. Es gibt in der Literaturwissenschaft die Rezeptionstheorie, die postuliert, dass Arbeiten erst durch die Wahrnehmung der Betrachtenden entstehen. Ich kann dem viel abgewinnen, dieser Autonomie und Mitbeteiligung der Rezipient*innenschaft in der Entstehung einer Arbeit. Und finde, das kann mit Comic bzw. Text-Bild, besonders gut gehen.

 

Welches deiner Werke würdest du als dein, für dich persönlich, wichtigstes bezeichnen?

Schwierig. Unterschiedliche Arbeiten sind unterschiedlich wichtig bzw. sprechen verschiedenes an. Meine Abschlussarbeit an der HAW, eine semi-fiktionale Autobiographie zwischen Künstlerbuch, Comic und freier Zeichnung war insofern wichtig, als dass das die Arbeit ist, auf die ich jahrelang hingearbeitet habe, ohne, dass es mir vielleicht wirklich bewusst war, für die ich erwachsen geworden bin - sowohl persönlich, als auch künstlerisch.

Über welches Feedback zu deiner Kunst hast du dich besonders gefreut?

Ausgehend vom Gedanken der Rezeptionstheorie sehe ich mich eher als Impulsgeberin, weniger als Vermittlerin einer bestimmten inhaltlichen Aussage. Die Arbeiten existieren unabhängig von mir, und ich freue mich daher am meisten, wenn meine Arbeiten etwas in ihren Betrachter*innen berühren, diese mit ihren eigenen Interpretationen, Gedanken, Assoziationen zur mir kommen und teilen. Ich habe wunderschöne Geschichten gehört von Enkelinnen, deren verstorbene Großväter durch Zeichnungen wieder in Erinnerung kamen, von Freund*innen, die nach der Lektüre eines Zines Mut gefasst haben, von Menschen, die sich und ihre Geschichte in meinen Arbeiten wiedergefunden und zugleich die Brücke zu einer anderen, äußerlich gänzlich anderen Lebensrealität geschlagen haben.

Gibt es Künstler, die deinen Stil beeinflusst haben?

Viele! Oft fühle ich mich weniger als Unikat als als Mogelpackung, zusammengestellt aus vielen. Ich begeistere mich für die intellektuelle Schärfe von Chimamanda Ngozi Adichie, die Menschlichkeit von Toni Morrison, die Experimentierfreude von Cai Guo Qiang, ich liebe die Arbeiten von Karin Mamma Andersson und Jockum Nordström, ich bewundere das Engagement von William Kentridge, ich schätze den Feingeist von Leanne Shapton, die Wärme und Spielfreudigkeit von Henri Matisse, die klare Poetik von Ruth Wolf-Rehfeldt, die Eeriness von Anke Feuchtenberger, die Bestimmtheit von Kyung-hwa Choi-ahoi, den Witz von Liv Strömqvist, die Verträumtheit von Tove Jansson, die Aufrichtigkeit von Cheryl Strayed, die Absurdität von Woshibai, um nur einige zu nennen.

Was ist typisch für Kunstwerke, die in Risographie entstehen?

Je nach verwendetem Material (Papier, Farbauftrag, etc.) wird ein Druck vermutlich sehr unterschiedlich aussehen, daher wage ich nicht zu sagen, was typisch für die Art von Technik ist. Der matte Farbauftrag vielleicht?

Ich persönlich liebe die Frische der Farben und die Blitzer beim Übereinanderdrucken der Ebenen, die Interaktion zwischen langsamst auftrockender Farbe und Betrachter*innenfinger, die Ungenauigkeiten der Bildwiedergabe. Die mechanischen Einschränkungen im Herstellungsprozess gehören für mich ebenso zum Charme genau wie die relative Niedrigschwelligkeit. Die potentiell große Farbauswahl überfordert mich immer wieder. Ich glaube, der Prozess gehört ebenso dazu wie das Ergebnis.

Dazu kommt der Aspekt der Nachhaltigkeit. Ich glaube, dass der Begriff Nachhaltigkeit nicht nur auf unsere Umweltressourcen zutrifft, sondern auch auf personelle, strukturelle, ökologische und diskursive Faktoren. Ich finde, die RISO-Community hat da schon einen Blick drauf und würde sagen, dass das für mich auch ein Faktor ist, der diese Technik auszeichnet, oder zumindest begleitet.

Mit welcher RISO Farbe arbeitest du am liebsten?

Schwer zu sagen. Mir fallen Farben schwer. Vermutlich VIOLET?

Was bedeutet Risographie für dich persönlich?

Für mich ist es zunächst eine interessante Vervielfältigungstechnik. Als ehemalige Ostasienwissenschaftlerin finde ich das Geschäftsmodell von RISO übrigens sehr interessant. Davon abgesehen ist es, zumindest im visuellen Bereich, vor allem eine Community, die ich sehr schätzen gelernt habe. Nicht zuletzt durch meine Lieblingsdrucker*innen habe ich die Welt um RISO als sehr aufgeschlossen und kollaborativ erlebt.

Gibt es schon Projekte, die du nach „12 Monate x 12 Zines“ verwirklichen willst?

Ehrlich gesagt möchte ich nach 12 Monate x 12 Zines erstmal Pause einlegen. Danach würde ich mir gerne Gedanken zu einer feministischen Science-Fiction machen. Einen Titel hätte ich schon: Intergalaktisches Burn-Out. Es soll unter anderem um die moderne Reproduktionsmedizin gehen. Mal sehen.

Hast du einen Rat für alle jungen RISO-Künstler und -Künstlerinnen, die ihr erstes, eigenes Kunstprojekt planen?

Let it be play.

Online: www.xiyutomorrow.com

Instagramm: @xiyu.tomorrow

Verpassen Sie keine RISO News mehr!
Kontakt